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Hier kommt dein monatliches Klima-Briefing. Im Januar war einiges los, Stichwort Lützerath. Plötzlich waren Kolleg*innen am Newsdesk mit der komplexen Frage konfrontiert, ob Deutschland seine Klimaziele verfehlt, wenn die Kohle unter Lützerath verbrannt wird. Dazu gab es gute Info-Posts von klima.neutral auf Instagram. Und auch dieses FAQ der Riffreporter können wir empfehlen. Um dich für derartige Einordnungen zu wappnen, bekommst du in diesem Newsletter das nötige Basiswissen. |
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Leonie Sontheimer und Katharina Mau vom Netzwerk Klimajournalismus Deutschland |
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Du hast es bestimmt schon oft gelesen – das Wort „Kipppunkte”. Es taucht immer wieder in der Berichterstattung auf, mittlerweile wird auch in Bezug auf die Klimabewegung oder das Klimabewusstsein von (sozialen) Kipppunkten geschrieben. In der Klimawissenschaft beziehen sich Kipppunkte allerdings auf das biophysikalische Erdsystem. Und sie sind komplex. Daher verzeiht uns diese etwas längere Ausgabe. |
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Ein Kipppunkt bezeichnet eine kritische Größe wie zum Beispiel eine globale Temperatur oder eine Konzentration an CO2 in der Atmosphäre, ab der ein System, das Kippelement, seinen Zustand verändert. Beim Erreichen des Kipppunkts wechselt das Element von einem stabilen Zustand in einen anderen stabilen Zustand. Forscher*innen sagen, das System organisiere sich neu. Das Überschreiten des Kipppunkts passiert oft abrupt. Bis das System den neuen Zustand erreicht hat, kann es sehr lange dauern. Deshalb könnte ein System seinen Kipppunkt überschreiten, ohne dass wir es merken. |
Einige Forschende definieren das Kippen als irreversibel: Aus dem neuen Zustand kommt das System dann nicht zurück in den alten, selbst wenn die Temperatur oder die CO2-Konzentration wieder sinken sollte. So wie bei einem Maiskorn, das ab einem bestimmten Punkt der Temperatur im Topf zum Popcorn wird. Es bleibt ein Popcorn, auch, wenn man den Topf abkühlt. Andere Forschende zählen auch reversible Prozesse zu den Kipppunkten. |
Den Begriff „Kippelemente” brachten Hans Joachim Schellnhuber und Timothy Lenton 2007 in die Klimaforschung ein. Seitdem haben Forschende Kippelemente intensiv erforscht. 2022 erschien eine umfassende Studie im renommierten Fachmagazin „Science”, auf die wir in der ersten Ausgabe unter „Science Snacks” eingegangen sind. |
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Ein versiegter Golfstrom, Savanne, wo einst der Amazonas war, ewiges Eis, das komplett schmilzt: Über all das wird bereits geschrieben. Es gibt aber immer noch große Unsicherheiten, vor allem was die Prognosen betrifft, wann Kipppunkte verschiedener Elemente erreicht wären – und was das konkret für das Weltklima bedeuten würde. Wir haben uns für dich nochmal genau angesehen, was die Wissenschaftler*innen über Kippelemente und -punkte wissen und was nicht. Und wie wir das gut kommunizieren können. |
Was wissen Wissenschaftler*innen? |
Es gibt in der Wissenschaft einen Konsens darüber, dass es Elemente gibt, die kippen können. Die Forschenden in der Science-Studie unterscheiden drei Arten von Kippelementen: Eis (wie etwa der Grönländische Eisschild), Strömungen (wie die Atlantische Umwälzzirkulation) und Ökosysteme (wie der Amazonas-Regenwald). Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zählt neun globale und sieben weitere lokale Kippelemente. |
Ein Kippelement, das relativ gut erforscht ist, ist der Grönländische Eisschild. Schon jetzt haben die Eismassen auf Grönland stark abgenommen. Wenn das Eis schmilzt, sinkt die Oberfläche in niedrigere und damit wärmere Luftschichten. Dadurch schmilzt es noch schneller. Der Grönländische Eisschild könnte einen Kipppunkt erreichen, das Abschmelzen ließe sich dann nicht mehr aufhalten. Das heißt, die kompletten grönländischen Eismassen würden verschwinden. „Ein vollständiger Verlust des Eisschilds würde zu einem weltweiten Meeresspiegelanstieg von bis zu sieben Metern führen”, schreibt das PIK. Das würde allerdings mindestens 1000 Jahre, vielleicht auch deutlich länger dauern. |
Was wissen Wissenschaftler*innen nicht (genau)? |
Forschende können nicht genau vorhersagen, bei welcher globalen Temperatur die Kipppunkte überschritten würden. Die Science-Studie, auf die wir uns hier immer wieder beziehen, gibt Temperaturbereiche an, in denen ein Überschreiten der Kipppunkte wahrscheinlich wird. Für Grönlands Eisschild und bestimmte Korallenriffe beginnt dieser Bereich bei 1,5 Grad globaler Erwärmung. |
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Andere Wissenschaftler*innen wie der Klima- und Umweltphysiker Thomas Stocker finden allerdings, dass es noch nicht genug Forschung gibt, um selbst solche Temperaturbereiche verlässlich anzugeben. Aber, Achtung: Stocker will damit nicht sagen, dass es schon nicht so schlimm werde. Es gibt genug Evidenz dafür, dass wir dringend handeln müssen, um die Klimakrise einzudämmen. |
Eine andere Frage, zu der sich die Wissenschaftler*innen nicht einig sind: Könnten sich Kippelemente gegenseitig anstoßen und zu einer Kettenreaktion, einer sogenannten „Kippkaskade” führen? Die einen sagen: Das Risiko sei zu groß, um nicht öffentlich davor zu warnen. Die anderen finden: Die Evidenz sei derzeit nicht groß genug, um fundiert darüber zu sprechen. Die Angst vor einer Kippkaskade könne Menschen in die Resignation treiben. |
Wie sollten wir darüber berichten? |
An den Kipppunkten zeigt sich besonders gut, was eigentlich immer gilt, wenn wir über Klimaforschung berichten: Es ist komplex. Und wie bei allen Themen, die wir als Journalist*innen bearbeiten, müssen wir viel lesen, mit Forscher*innen telefonieren und im Zweifel Menschen fragen, die sich schon lange mit dem Thema beschäftigen. Um unsere Rezipient*innen mitzunehmen, ist es wichtig, zu kommunizieren, wie die Forschenden zu ihren Erkenntnissen gekommen sind und wo noch Lücken sind. |
Tipps für Gespräche mit Wissenschaftler*innen: |
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Hier ein Beispiel, bei dem die Kombination aus Methoden beschreiben und Unsicherheiten kommunizieren sehr gut gelingt: ein Artikel über den Amazonas-Regenwald vom New York Times Magazine. |
Unser Lieblingssatz aus diesem zugegeben ganz schön langen Text: „For a while Gatti simply refused to believe her own data.” |
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Wie bist du bei ntv und RTL Klimaspezialistin geworden? |
Ich bin 2020 in der Wirtschaftsredaktion bei ntv eingestiegen und habe nur über Corona berichtet. Ich habe VWL studiert und mich davor schon viel mit dem Klima beschäftigt. Ich bin auch Brasilianerin und in dem Sommer gab es ganz schlimme Brände im Amazonas-Regenwald. Das war der Moment, in dem ich der Chefredakteurin geschrieben habe, dass ich gerne mehr Klimaberichterstattung machen und Formate erarbeiten würde. Und damit bin ich offene Türen eingerannt. Wir haben ein kleines Team geformt und zusammen mit Maik Meuser und den Kolleg*innen von Geo und Stern das Format „Klima Update Spezial“ entwickelt. |
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Clara Pfeffer ist politische Korrespondentin im Hauptstadtstudio von RTL und ntv. Zusammen mit Maik Meuser macht sie die monatliche Sendung „Klima Update Spezial“. Außerdem hostet sie den ntv-Podcast „Klima-Labor“. Foto: Winfried von Wilmsdorff |
Du bewegst dich hauptsächlich im Fernsehen: Welche Aspekte lassen sich gut erklären, wo ist es schwierig, Bilder zu finden? |
Es gibt Themen, die sich emotionaler übers Bild transportieren lassen als über einen Text – ein steigender Meeresspiegel oder ein kranker Wald zum Beispiel. Da spart man sich sogar einiges an Erklärungszeit. Wir haben gerade eine Sendung zu Logistik gemacht: Im Visuellen wird ganz klar, um was für Dimensionen es geht, wie riesig die Herausforderung ist. „25 Millionen Tonnen” kann man sich nur schwer vorstellen, aber wenn man die Container im Hafen sieht, bekommt man einen Eindruck. Im besten Fall gehen die Leute nach einer Sendung raus und haben Lust, von dem, was sie gesehen haben, zu erzählen. Zum Beispiel: „Die begrünten Dächer sahen so viel schöner aus als die grauen.“ |
Du hast schon mehrmals Politiker*innen auf Pressereisen begleitet. Unter anderem Annalena Baerbock nach Palau, eine Pazifikinsel, die durch den steigenden Meeresspiegel bedroht ist. Was für Einblicke hast du dort bekommen? |
Ich hatte den Eindruck, dass es für unsere Politiker*innen wirklich wichtig ist, vor Ort zu sein und mit den Menschen zu sprechen. Dann steigt auch die Motivation, etwas zu verändern. Am Ende macht es am Verhandlungstisch einen großen Unterschied, wie viel derjenige oder diejenige weiß und wie wichtig das Thema jemandem persönlich ist. Auch mir selbst ist vor Ort noch mal klar geworden: Die Menschen verlieren ihre Heimat. Und die Schuld daran tragen auch wir. Ich musste es gesehen haben, um zu verstehen, warum diese Länder zum Beispiel auf einen Ausgleichsfonds für Schäden und Verluste bestehen. Etwas, das mir bei der Berichterstattung zur COP27 einige Monate später sehr geholfen hat. |
Wir sprechen beim Klimajournalismus ganz viel über konstruktive Ansätze. Habt ihr dafür eine Strategie? |
Wir dachten immer, dass wir ein konstruktives Format sind, und so sind wir auch rangegangen: Die Menschen sollen Lust bekommen, an Veränderungen mitzuwirken. Letztens hatten wir aber eine Evaluierung unseres Formats und haben das Feedback bekommen, dass man danach trotzdem häufig erschlagen ist. Deswegen wenden wir jetzt einfache Kniffe an. Statt zu sagen, es verursacht mehr Emissionen, Güter in LKWs zu transportieren als in Zügen, drehen wir es um: Wenn wir Güter in Zügen transportieren, verursachen wir weniger Emissionen als mit LKWs. Ich bin neulich auf ein Zitat gestoßen: „Das Reden über Probleme schafft Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen.“ Das habe ich jetzt immer wieder im Kopf. |
Manchmal ärgert es mich aber auch, dass an die Klimaberichterstattung so hohe Maßstäbe gesetzt werden. In anderen Bereichen verlangen wir auch nicht ständig konstruktive Berichterstattung. Und es gibt Dinge, von denen wir einfach begreifen müssen, dass sie ein Problem sind. Beispiel Schnee: Es ist einfach eine Katastrophe für Menschen und Umwelt, wenn es in gewissen Höhenlagen keinen Schnee mehr geben wird. Es ist jetzt wichtig zu verstehen, was das für die Menschen bedeutet und welche Optionen sie haben. |
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Pünktlich zum Weltwirtschaftsforum, wenn sich im Schweizer Bergdorf Davos die Reichen und Mächtigen versammeln, werden traditionell Reports zur weltweiten Ungleichheit veröffentlicht. Den von Oxfam kennst du wahrscheinlich. Das World Inequality Lab hat nun einen Report veröffentlicht, der explizit auf die Wechselwirkungen zwischen Ungleichheit und Klimakrise eingeht. Die krasseste Zahl: Menschen, die zu den reichsten 1 Prozent der Welt gehören, verursachen jährlich etwa 100 Tonnen CO2-Emissionen. Der globale Durchschnitt liegt bei 6 Tonnen. |
Was Ungleichheit mit der Klimakrise zu tun hat, haben auch die Kolleg*innen von Panorama in dieser Doku sehr schön aufbereitet – mit unfassbaren O-Tönen aus dem Privatjet. |
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Etwa 4,2 Prozent der Emissionen des Straßenverkehrs würde es einsparen – ein Tempolimit von 120 km/h auf deutschen Autobahnen. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Umweltbundesamts (UBA). Besonders interessant ist das, weil eine andere UBA-Studie erst 2020 auf eine deutlich kleinere Einsparung gekommen war. Das liegt zum einen an einer veränderten Methodik und zum anderen daran, dass die neue Studie auch berücksichtigt, dass Menschen zum Beispiel eher direkte Wege auf Landstraßen fahren, wenn sie auf der Autobahn nicht schneller als 120 km/h fahren dürfen. Details dazu gibt’s in der Studie auf Seite 211. |
Das war unsere monatliche Portion Klimawissen für dich. Wenn du noch tiefer einsteigen möchtest, melde dich jetzt für unser dreitägiges Seminar in der Journalist*innen-Akademie der Friedrich Ebert Stiftung an. Du lernst die wichtigsten Zusammenhänge zur Klimakrise und entwickelst Klima-Formatideen im Schnelldurchlauf. Vom 20. bis 22. März in Bonn: Mehr Infos bekommst du hier. |
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Wurde dir dieser Newsletter weitergeleitet? Immer am ersten Monat im Monat schicken wir dir ein Briefing, das dir dabei helfen soll, die Klimakrise in deiner Berichterstattung mitzudenken. Melde dich hier kostenlos an: |
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