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Unsere Newsletter → ONBOARDING → Klimarassismus
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Das Header-Bild zeigt den Namen des Newsletters: Onboarding Klimajournalismus. Eine grafische Treppe ist in der Mitte vor einem Blau-Verlauf. Oben links steht: November 2023. Oben rechts: Ausgabe 11

Hallo,

auch uns haben die schrecklichen Attacken der Hamas in Israel sehr beschäftigt. Und das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza. Vor diesem Hintergrund haben wir nochmal über eine These nachgedacht, die wir auch hier im Newsletter schon vertreten haben: Every journalist is a climate journalist.

Wir finden weiterhin: Alle Journalist*innen sollten die Grundlagen der Klimakrise kennen. Aber es muss offensichtlich Journalist*innen geben, die möglichst viele Details des Nahost-Konflikts wissen, die Expert*innen für Antisemitismus, für Rassismus, für Rechtsextremismus sind. Von ihnen können wir nicht verlangen, jede neue Klimastudie auf dem Schirm zu haben. Genau deshalb machen wir ja diesen Newsletter: damit du die Dimension Klima besser in deiner Berichterstattung mitdenken kannst.

In dieser etwas kürzeren Ausgabe:

  • helfen wir dir, die Klima-Lügen der AfD zu entlarven

  • und geben ein Update zu einer der wichtigsten Kennzahlen: dem CO2-Budget.

Das Foto zeigt Leonie Sontheimer und Katharina Mau vor einem blauen Hintergrund. Sie stehen Schulter an Schulter und lächeln leicht. Leonie trägt ein dunkles Oberteil mit Muster, Katharina ein graues Shirt. Leonie hat dunkle, kinnlange Haare. Katharinas Haare sind etwas mehr als schulterlang und gewellt. Sie trägt eine schwarze Brille mit runden Gläsern.

Leonie Sontheimer und Katharina Mau vom Netzwerk Klimajournalismus Deutschland

Auf dem Trenner-Bild sind drei große Ausrufezeichen im Hintergrund. Darauf steht Attention Pleaser und darunter sehr groß: Klimarassismus

Zweitstärkste Partei. Im Oktober erzielte die AfD in Umfragen einen neuen Höchstwert: 23 Prozent der Befragten des ARD-Deutschlandtrend würden die Partei derzeit wählen. Das ist gefährlich. Weil die Partei rechtsextreme und antidemokratische Vertreter*innen in die Parlamente bringt. Und weil die AfD den menschengemachten Klimawandel leugnet. Das verzögert Debatten, verschiebt den Diskurs und behindert so auch Handeln.

Die Grafik zeigt die Ergebnisse der Sonntagsfrage zur Bundestagswahl vom 13.10.2023 in einem Balkendiagramm. CDU / CSU erreichen 29 Prozent, die AfD 23 Prozent, die SPD 15 Prozent, die Grünen 13 Prozent, die FDP 5 Prozent, Linke und Freie Wähler jeweils 4 Prozent und Andere 7 Prozent.

Im September reichte die AfD-Fraktion im Bundestag einen absurden Antrag ein. Sie fordert darin die Aufkündigung aller internationalen Klimaschutz-Abkommen und leugnet wissenschaftlichen Konsens. Fakt ist: Nur menschengemachte Emissionen von Treibhausgasen können die derzeitige Erderhitzung erklären. Die AfD streut Falschinformationen und möchte unter anderem, dass der Bundestag beschließt: „Zum Einfluss des Menschen und dessen Auswirkungen auf das Klima (CO2-Emissionen) gibt es viele Theorien, aber keinen wissenschaftlichen Konsens.“ Das ist natürlich falsch. Die Wissenschaft ist sich einig, dass Menschen die Klimakrise verursacht haben. So steht es auch im IPCC-Bericht: „Der seit etwa 1750 beobachtete Anstieg der [Treibhausgasemissionen] ist eindeutig auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen.”

Falschaussagen einordnen

Wer regelmäßig über die AfD berichtet, sollte über Basiswissen zu Klimaphysik verfügen und die wichtigsten Falschaussagen einordnen können. Viele Aussagen, die die AfD gerne wiederholt, stehen bereits im Grundsatzprogramm von 2016. Dazu gibt es einen hilfreichen Faktencheck auf klimafakten.de. Wie man Verschwörungsmythen und Fake News richtig einordnet, steht zum Beispiel im Debunking Handbook 2020.

Der Screenshot zeigt einen Tweet von Pia Lamberty: Im #DebunkingHandbook2020 wird beispielsweise auch erklärt, wie man gut über Desinformation aufklären kann ohne diese zu reproduzieren.

Man kann es nicht schönreden: Viele der Menschen, die die AfD wählen, tun das nicht aus Protest, sondern weil sie rechtsextreme Ansichten vertreten. Soziolog*innen sagen aber auch: Rechtspopulist*innen nutzen gezielt gesellschaftliche Konflikte. Matthias Quent, Professor für Soziologie, formulierte das im vergangenen Call des Netzwerk Klimajournalismus so: Rechte, aber auch Mitte-Rechts-Parteien konstruieren Sündenböcke, um davon abzulenken, dass sie zum Beispiel die Herausforderungen durch die Klimakrise nicht lösen können oder wollen.

Wissenschaft als Maßstab

Wenn wir das als Journalist*innen nicht durchschauen, und zum Beispiel das Narrativ von Robert Habeck und dem Gebäudeenergiegesetz als Sündenbock übernehmen, spielen wir rechten Parteien in die Hände. Bei aller berechtigten Kritik am ursprünglichen Entwurf des Gesetzes sollten Journalist*innen die Dringlichkeit für Klimaschutz und -anpassung aus der Wissenschaft ableiten, das Vorhaben entsprechend in einen Kontext setzen und die Politik daran messen.

Gleichzeitig müssen wir immer fragen, wie die ökologische Transformation sozial gerecht gelingen kann. Soziale Ungleichheit ist einer der Hebel, den Rechte nutzen, um zu spalten und Gegenwind zu erzeugen.

Zusätzlich sollten Journalist*innen die deutsche Klimapolitik in den globalen Kontext einordnen: „Der Globale Norden trägt durch den Kolonialismus und das Wachstumsparadigma seiner Ökonomien historisch die Verantwortung für die Klimakrise”, steht in unserer Charta für Klimajournalismus. Die Folgen der Erderhitzung treffen wiederum die Menschen im Globalen Süden besonders stark. Die Klimakrise ist ein Verstärker einer ungerechten globalen Struktur.  


Klimarassismus – ein strukturelles Problem

Wenn Parteien die Klimakrise leugnen oder sich gegen jegliche Transformation stellen, zementieren sie auch rassistische Strukturen, die seit Jahrhunderten bestehen. Das bedeutet nicht, dass Fleischessen oder SUV fahren rassistisch ist. Es geht hier vor allem um die strukturellen Zusammenhänge, die heute manchmal als „Klimarassismus” bezeichnet werden. Gegen das darunter liegende Muster formierte sich ursprünglich die Umweltgerechtigkeitsbewegung.

Die entstand aus Protesten Schwarzer Communities in den USA, als der Staat North Carolina giftigen Chemiemüll in einem Viertel ablud, in dem überwiegend Afroamerikaner*innen lebten. Das beschreiben Imeh Ituen und Lisa Tatu Hey in einem Paper der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Schwarze Bevölkerung protestierte drei Jahre lang gegen die Deponie – am Ende wurde sie trotzdem gebaut. Der Vorfall diente jedoch als Vorbild für weitere Proteste Schwarzer Communities und gilt deshalb als Beginn der Umweltgerechtigkeitsbewegung.

Mythos Überbevölkerung

Ein Narrativ, das bei Debatten um Klimaschutz immer wieder aufploppt, ist das der Überbevölkerung. Die Argumentation: Das Bevölkerungswachstum sei der Hauptgrund für die Klimakrise. Und zwar konkret: das Bevölkerungswachstum in afrikanischen und asiatischen Ländern. Damit bedient der Mythos ein rassistisches Narrativ und kann zu sehr problematischen Schlüssen führen.

Ein Tweet von Benjamin Hindrichs: „Auf der Erde leben zu viele Menschen", sagte neulich eine Freundin zu mir. Der Mythos „Überbevölkerung" begegnet mir immer wieder – bei Debatten um Klimakrise oder Familienplanung.   Das Problem: Er ist irreführend. Und öffnet Gewalt und Rassismus die Tür. Seit Jahrhunderten.

Fakt ist: In den meisten Ländern mit hoher Geburtenrate sind die CO2-Emissionen pro Kopf deutlich geringer als im weltweiten Durchschnitt. Den größten Effekt auf die Klimakrise hat der (Über-)Konsum, vor allem von reichen Menschen. Die entsprechenden Güter werden oft im Globalen Süden produziert. Wenn du mehr ins Detail gehen möchtest, empfehlen wir dir diesen Faktencheck vom BR.  

Komm außerdem gern zum COP-Briefing von uns und dem Netzwerk Klimajournalismus Österreich, in dem wir unter anderem einen Fokus auf Leugnungs-Strategien setzen. Am 21. November um 18:30 Uhr gibt Jennie King vom Institut für strategischen Dialog Input, wie man Klima-Desinformation auf der Weltklimakonferenz und darüber hinaus erkennen und entlarven kann. Hier kannst du dich und deine Kolleg*innen anmelden.

Das Trennerbild zeigt im Hintergrund verschieden große Punkte auf einem Blau-Weiß-Verlauf. Darauf steht groß: Science Snacks

CO2-Budget kleiner als gedacht

Eine Studie im Fachjournal Nature Climate Change hat das CO2-Budget neu berechnet. Also die Menge an Emissionen, die wir noch ausstoßen können, ohne die Grenzen aus dem Pariser Klimaabkommen zu überschreiten. Dabei kam heraus: Das Budget, das uns noch bleibt, um die Erderhitzung mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist kleiner als im letzten IPCC-Bericht angenommen. Zum einen hängt das damit zusammen, dass seit der Berechnung des IPCC drei Jahre vergangen sind. Seitdem stoßen wir weiter CO2-Emissionen aus, ungefähr 40 Gigatonnen pro Jahr.

Die Studie hat jetzt aber auch noch andere Faktoren angepasst, über die die Forschenden heute mehr wissen als vor drei Jahren. Das führt dazu, dass nach den aktualisierten Berechnungen ab Januar 2023 nur noch ein Budget von 250 Gigatonnen CO2 übrig ist. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wäre das nach gut sechs Jahren aufgebraucht. Gut verständlich erklärt das die Journalistin Elena Erdmann bei Zeit Online. Das Science Media Center hat Reaktionen von Wissenschaftler*innen eingeholt.

„Grünes Wachstum” geht zu langsam

Is green growth happening? Das fragt eine Studie, die im Fachjournal The Lancet Planetary Health erschienen ist. Die Forschenden untersuchen reiche Länder, in denen die Emissionen zwischen 2013 und 2019 gesunken sind, während die Wirtschaft weiter wuchs. Wenn die Entkopplung so weitergeht wie bisher, würden die Länder im Schnitt 223 Jahre brauchen, um ihre Emissionen um 95 Prozent zu senken. Dabei würden sie ein Vielfaches der Emissionen ausstoßen, die ihnen zustünden – wenn man das globale CO2-Budget gleichmäßig auf alle Menschen aufteilt und auf die Länder herunterrechnet.

Jubiläum: Vor einem Jahr haben wir die erste Ausgabe dieses Newsletters verschickt. Da fand gerade die 27. Weltklimakonferenz in Ägypten statt. Um die anstehende COP28 geht es  in der Dezember-Ausgabe. Empfiehl dieses Briefing bis dahin gerne noch weiter!

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