JETZT
AKTIV
WERDEN
JETZT
AKTIV
WERDEN
Unsere Newsletter → ONBOARDING → Loss and Damage
*|MC:SUBJECT|*
Die Header-Grafik zeigt eine grafische Treppe in rot auf einem blauen Hintergrund. In der Mitte steht groß Onboarding Klimajournalismus. Links oben Dezember 2023. Rechts oben Ausgabe 12.

Hallo!

Für Klimajournalist*innen ist gerade schon Weihnachten. Vergangenen Donnerstag wurde in Dubai der 28. Weltklimagipfel eröffnet. Das bedeutet, dass nach wochenlanger Vorbereitung plötzlich alles auf einmal passiert, Streitereien zwischen Familienangehörigen inklusive. Und am Ende braucht man ein paar Tage, um alles zu verdauen. Wir haben uns überlegt, wie wir diejenigen unter euch unterstützen können, die eher nebenbei über die COP28 berichten (Gruß geht raus an die Newsdesks in diesem Land). Und uns entschieden, einen der wichtigsten Verhandlungspunkte herauszugreifen: den Loss and Damage Fund, also einen Ausgleichs-Fonds für Schäden und Verluste.

In dieser Ausgabe lernst du:

  • worüber in Dubai gestritten wird

  • warum die „Planet A”-Kolleg*innen „Klima” nicht in die Überschrift schreiben

  • auf wie viel Grad Erhitzung die Welt gerade zusteuert – und wieso es trotzdem auch gute Nachrichten gibt

Das Foto zeigt Leonie Sontheimer und Katharina Mau vor einem blauen Hintergrund. Sie stehen Schulter an Schulter und lächeln leicht. Leonie trägt ein dunkles Oberteil mit Muster, Katharina ein graues Shirt. Leonie hat dunkle, kinnlange Haare. Katharinas Haare sind etwas mehr als schulterlang und gewellt. Sie trägt eine schwarze Brille mit runden Gläsern.

Leonie Sontheimer und Katharina Mau vom Netzwerk Klimajournalismus Deutschland

Auf der Trenner-Grafik sind drei große rote Ausrufezeichen auf einem blau-weiß Verlauf als Hintergrund. In der Mitte steht in großen Buchstaben Loss and Damage. Darüber etwas kleiner: Attention Please.

Wofür steht eigentlich die Abkürzung COP? Seit wann gibt es die Klimakonferenzen? Und welche Länder gehören zu welcher Annex-Gruppe? Wenn du dich mit den Basics schon auskennst, überspring einfach die Absätze bis zur nächsten Überschrift.

COP steht für Conference of the Parties, also die Konferenz der Staaten, die ein Übereinkommen unterschrieben haben. In diesem Fall: das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC). Und später dann noch das Kyoto-Protokoll (CMP) und das Abkommen von Paris (CMA).

Um die Verwirrung zu vervollständigen: Es gibt auch noch COPs zu anderen Konventionen. Letztes Jahr war zum Beispiel die COP15 des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD), also der Weltbiodiversitätsgipfel. Die Klima- und die Biodiversitäts-Konvention (und noch eine dritte gegen Wüstenbildung) haben übrigens einen gemeinsamen Ursprung: den Earth Summit in Rio de Janeiro 1992.

Wenn dir bei all den Abkürzungen der Kopf raucht, bist du nicht allein. Auf Wikipedia gibt es eine Liste von Abkürzungen im Zusammenhang mit der Klimakrise. Vielleicht machen die Fantastischen Vier ja ein MfG-Remake daraus?

Das Bild ist ein Screenshot aus einem Video. Verena Mischitz steht vor einem rosa Hintergrund und spricht gerade, sie hat den Mund leicht geöffnet. Sie trägt ein braun-schwarzes Oberteil. Ihre Haare sind blond. Quer über das ganze Bild steht in weißen Buchstaben: Klimarahmenkonvention.

Noch mehr Grundlagen gibt´s in diesem Video der Journalistin Verena Mischitz. Für den österreichischen Standard hat sie die wichtigsten Fragen zu den COPs beantwortet. Das Video ist von 2021, aber heute noch genauso aktuell.


„Common but differentiated responsibilities”

Das ultimative Ziel der Klima-Konvention von 1992 bestand darin, die Treibhausgaskonzentrationen auf einem Niveau zu stabilisieren, das gefährliche anthropogene [also vom Menschen verursachte] Eingriffe in das Klimasystem verhindern würde. Ein zentrales Prinzip in der Konvention lautete „gemeinsame Ziele – unterschiedliche Verantwortung”. Von Anfang an war also festgelegt, dass die Industriestaaten bei Klimaschutz und Anpassung eine größere Verantwortung tragen. Dazu wurden die Vertragsstaaten in verschiedene Gruppen eingeteilt:

  • „Annex I“ Länder, zu denen industrialisierte Staaten oder Übergangsländer der ehemaligen Sowjetunion gehören

  • „Annex II“ Länder, zu denen die wirtschaftlich stärksten Staaten aus Annex I gehören (ja, auch Deutschland)

  • „Non-Annex I“, zu denen alle anderen Länder gehören

Die Einteilung bildet eine mögliche Grundlage dafür, welche Länder einzahlen müssen und welche Unterstützung bekommen. Über die Jahre haben sich noch weitere wichtige Gruppen gebildet, wie die Least Developed Countries (LDCs) oder die Alliance of Small Island States (AOSIS), die schon vor mehr als 30 Jahren forderte, dass die Industriestaaten für die Schäden und Verluste in den kleinen Insel- und niedrig liegenden Küstenstaaten aufkommen sollen.

Geschenkt oder längst überfällig?  

Womit wir nicht gerechnet haben: Bei der COP28 ging es sozusagen mit Geschenken los. Gleich am ersten Tag sagten die Vereinigten Arabischen Emirate und Deutschland jeweils 100 Millionen Dollar für den Loss and Damage Fund zu. Weitere Länder zogen mit Zusagen nach. Und: Der Vorschlag, den ein Übergangsausschuss (Transitional Committee) seit der letzten COP erarbeitet hat, wurde direkt angenommen, obwohl es in der Arbeitsphase viele Streitereien darüber gab.

Der Screenshot zeigt einen Tweet von Bernhard Pötter: Ich kann mich an keine Klimakonferenz erinnern - und ich habe einige erlebt - die so positiv gestartet ist: Die Struktur des neuen Loss/Damage Fund wurde bei @COP28_UAE  gleich zu Beginn angenommen. Und der Fonds gleich mit insgesamt etwa 300 Mio Dollar gefüllt. Ein großer Erfolg

Wie immer ist es komplex und die Geschenke-Metapher passt eigentlich nicht so gut. Denn: Die Klimakrise ist ungerecht. Communities, die in der Vergangenheit am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, sind am stärksten von den Folgen betroffen (siehe AR6, Summary for Policy Makers, S. 5, A.2). Die Forderung nach finanzieller Kompensation ist nicht neu. Es gibt sie schon, seit Staaten global zum Klima verhandeln. Wir empfehlen dir, durch diese ausführliche Timeline von Carbon Brief zu scrollen. Es ist wirklich eindrücklich.

Vor diesem Hintergrund muss man sagen, dass die Entscheidung für einen Loss and Damage Fund reichlich spät getroffen wurde. Nämlich erst letztes Jahr bei der COP27 in Scharm El-Scheich. Und die inzwischen etwas mehr als 400 Millionen Dollar (Stand: Sonntagvormittag) sind ein Anfang, aber reichen noch lange nicht.

Wie viel Geld wird gebraucht?

Der Fonds für Schäden und Verluste soll dann greifen, wenn Schäden durch die Klimakrise entstanden sind, zum Beispiel wenn Dürren Ernten zerstören oder Überschwemmungen Häuser mitreißen. Die verheerende Flut in Pakistan 2022 soll Schäden und Verluste von etwa 30 Milliarden US Dollar verursacht haben. Es gibt unterschiedliche Schätzungen dazu, wieviel Geld in den nächsten Jahren in den Fonds fließen müsste. Eine von der UN beauftragte Expert*innengruppe geht von jährlichen Schäden zwischen 150 und 300 Milliarden Dollar ab 2030 aus. Eine andere oft zitierte Studie rechnet damit, dass allein die ökonomischen Schäden in sogenannten Entwicklungsländern sich ab 2030 jährlich auf 290 bis 580 Milliarden US Dollar belaufen.

Der Screenshot zeigt einen Tweet von der Loss and Damage Collaboration: 1/2. “Studies clearly tell us that we will be needing money to the tune of $290-580 billion (USD) annually [to address #LossAndDamage] in developing countries alone.” @harjeet11  of @CANIntl  explains why the #LossAndDamage Fund must reach the scale of hundreds of billions of $'s. Darunter ist ein Foto von Harjeet Singh. Er spricht und nur sein Oberkörper ist hinter einem Tisch oder Pult mit Namensschild sichtbar. Er gestikuliert mit einer Hand und trägt einen grünen Turban.

Die verschiedenen Finanzierungszusagen können verwirren. Denn der Fonds für Schäden und Verluste ist nicht der erste internationale Klimafonds. Die 100 Milliarden Dollar zum Beispiel, die die sogenannten Industrieländer für Anpassung und Klimaschutz versprochen haben, sind unabhängig vom Loss and Damage Fund. Die Deutsche Welle hat kürzlich einen hilfreichen Überblick veröffentlicht.

Was ist beim Loss and Damage Fund noch zu klären?

Ein Streitpunkt bleibt trotz erster Zugeständnisse die Zahlungsverpflichtung. Die USA wollen unbedingt, dass Staaten freiwillig in den Fonds einzahlen (oder nicht einzahlen) können. Die potenziellen Nehmerländer fordern aber eine verpflichtende Formulierung. Im aktuellen Entwurf sollen die Industriestaaten „gedrängt“ werden, dem Fonds Geld zur Verfügung zu stellen, und andere Länder werden dazu „ermutigt“ (S. 2, Punkt 12). Die Formulierung lässt sehr viel Raum für verschiedene Interpretationen. Außerdem wird immer noch diskutiert, ob auch bestimmte Non-Annex-I-Länder wie China einzahlen sollen.

COP-Hype in der Redaktion nutzen

Vielleicht gibt es in deiner Redaktion nicht unbedingt einen Hype um die COP28. Aber doch hoffentlich ein bisschen mehr Klima-Aufmerksamkeit als die restlichen 50 Wochen im Jahr. Die könntest du nutzen, um dich mit anderen zusammenzutun und strukturelle Veränderungen in der Redaktion anzustoßen. Inspiration dazu gibt es im monatlichen Call des Netzwerk Klimajournalismus Deutschland am Donnerstagabend. Kolleg*innen aus der Tagesschau, dem Deutschlandfunk und der Stuttgarter Zeitung berichten, wie sie in ihren Häusern Klima als Dimension in allen Ressorts verankern. Wenn du Journalist*in bist oder wirst, herzliche Einladung:

am Donnerstag,

7. Dezember 2023,

18 – 19:30 Uhr, hier auf Zoom.

Du hast für die Deutsche Welle das englischsprachige Planet A entwickelt. Was ist das Beste an dem Format?

Dass wir Klima für junge Leute weniger beängstigend machen. Wir versuchen, mit Planet A auch diejenigen zu erreichen, die keine Lust mehr auf schlechte Nachrichten haben und diese vermeiden. Durch den lösungsorientierten Ansatz versuchen wir, Hoffnung aufkommen zu lassen. Über unserem Tiktok-Account steht: „Our planet is a mess. But we know how to fix it.”

Kiyo Dörrer hat das Format Planet A entwickelt und leitet die Redaktion. Jeden Freitag gibt’s auf Youtube eine neue Folge, der Account hat 500.000 Abonnent*innen.

Was war dein größtes Learning bei der Formatentwicklung?

Es hat sich total bewährt, darauf zu bestehen, Plattform-first zu produzieren. Wir haben uns am Anfang mit Personal und Geld nur auf Youtube konzentriert und zugeschnitten auf die Plattform produziert. Das ist in großen Redaktionen oft schwer durchzusetzen, aber es lohnt sich. Nach zwei Jahren Youtube haben wir dann auch auf Tiktok angefangen. Wir wurden natürlich gefragt, ob wir nicht auch auf Instagram, Snapchat und Twitch Kanäle bespielen können, aber mit unseren Kapazitäten macht das keinen Sinn. Wir sagen: Lieber weniger, dafür besser. Das steht wiederum in einem gewissen Widerspruch zu dem Algorithmus auf Tiktok, der Quantität bevorzugt. Unser Kompromiss sind derzeit fünf Videos pro Woche.

Was sagst du zu der These, dass Klima schlecht klickt?

Ich muss leider sagen, dass es stimmt – beziehungsweise zu offensichtliches Klima klickt schlecht. Wenn wir „Klima” im Titel haben oder „sustainable” oder „green” beschränken wir uns auf ein Publikum, das sich sowieso schon dafür interessiert. Deswegen erwähnen wir Klima im Titel nicht, lassen es aber gegebenenfalls im Video einfließen. Es ist allerdings ein absolutes No-Go bei uns, „Hilfe, die Welt geht unter”-Stimmung zu verbreiten.

Was gut funktioniert, sind einzelne Lösungen, die sich global anwenden lassen. Letztens hatten wir zum Beispiel einen Beitrag zu Degrowth. Da war der Titel „What if we stopped making so much stuff”. Das ist heruntergebrochen, persönlicher, nahbarer und funktioniert besser.

Wie informierst du dich, wo bekommst du Inspiration für neue Themen?

Inhaltlich bei BBC Future Earth und Vox. Die ehemaligen Vox-Mitarbeiter*innen Cleo Abram und Johnny Harris machen super Storytelling. Visuell lasse ich mich von The Verge inspirieren, was das Framing angeht, von Business Insider. Und für Lösungen kann ich Project Drawdown empfehlen. Die bewerten Klimalösungen wissenschaftlich.

Emissions Gap Report 2023

Pünktlich vor der COP28 hat das Umweltprogramm der Vereinten Nationen den jährlichen Emissions Gap Report veröffentlicht. Darin beziffern die Autor*innen die Lücke zwischen den Emissionsreduktionen, die die Länder zugesagt haben, und denen, die nötig wären, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Der Untertitel sagt eigentlich schon alles: „Temperatures hit new highs, yet world fails to cut emissions (again)”.

Mit den Maßnahmen, die die Regierungen derzeit zugesagt haben, steuern wir auf eine globale Erhitzung von 2,9 Grad bis Ende des Jahrhunderts zu. In dem optimistischsten Szenario, in dem alle Länder all ihre Zusagen einhalten (inklusive der Pläne, bis wann die Staaten klimaneutral sein wollen), würde sich die Erde um zwei Grad erhitzen. Der Bericht betont aber, dass diese Zusagen sehr unsicher sind. Außerdem liefert er weitere nützliche Infos für die Klimaberichterstattung – unter anderem zu den Risiken von negativen Emissionen und der Begründung, wieso wir nicht mehr in neue fossile Infrastruktur investieren sollten.

Artenkrise schlimmer als zuvor bekannt

Fast ein Fünftel der europäischen Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Das ergibt eine Studie, die im Fachmagazin „Plos One“ erschienen ist – zusammengefasst beim Science Media Center. Das sind fast doppelt so viele wie eine Erhebung des Weltbiodiversitätsrates IPBES 2019 ergeben hatte. Zur Bedrohung der Arten tragen unter anderem die industrielle Landwirtschaft, Umweltverschmutzung und die Versiegelung durch neue Wohn- und Gewerbegebiete bei. Die Studie zeigt einmal mehr, was wir uns immer wieder bewusst machen sollten: Wir stecken nicht nur mitten in der Klimakrise, sondern auch in einer mindestens genauso schlimmen Biodiversitätskrise. Beide beeinflussen einander und wir können sie auch in der Berichterstattung noch stärker zusammendenken.

Fünf gute Entwicklungen

Dieser süße Snack zum Abschluss kommt nicht direkt aus der Wissenschaft, sondern vom Thinktank New Climate Institute. In einem kurzen Bericht nennt die Organisation fünf gute Entwicklungen seit dem Pariser Klimaabkommen. Drei Beispiele:

1. Während die Klimakrise vor zehn Jahren noch ein Nischenthema war, ist die Debatte heute im Mainstream angekommen.

2. Auch, wenn es noch an der Umsetzung hapert, erkennen inzwischen fast alle Staaten an, dass sie die Emissionen auf null senken müssen.

3. Erneuerbare Energien sind so günstig geworden, dass sie mit fossiler Energie konkurrieren.

Mehr gute Nachrichten gibt’s in dem Bericht.

Und damit frohe Feiertage. Wir hören und sehen uns hoffentlich im nächsten Jahr. Eine neue Ausgabe Onboarding gibt es frühestens im Februar. Aber im Slack-Space des Netzwerk Klimajournalismus gibt es täglich Tipps und Hinweise. Schreib uns, wenn du Journalist*in bist und wir dich hinzufügen sollen.

Wenn du diesen Newsletter weitergeleitet bekommen hast, kannst du dich hier anmelden:

Newsletter abonnieren