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Unsere Newsletter → ONBOARDING → Verdrängung
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Hallo!

Das neue Jahr ist gerade erst angebrochen und vielleicht musst du dich erst noch eingrooven. Genau dabei soll dir dieses Briefing helfen. Auch 2023 schicken wir dir jeden ersten Montag im Monat eine Ausgabe von „Onboarding Klimajournalismus”. Diese erste wird ein bisschen persönlicher und nachdenklicher.

Passend zum Jahreswechsel bekommst du:

  • Reflexion: Wie verdrängen wir die Klimakrise und was können wir dagegen tun?

  • Gute Vorsätze: Was renommierte Kolleg*innen sich vom Klimajournalismus 2023 wünschen

  • Inspiration: Fünf zeitlose Klima-Geschichten

Leonie Sontheimer und Katharina Mau vom Netzwerk Klimajournalismus Deutschland

2022 war kein gutes Jahr für das Klima. So wie 2021, 2020, 2019 und viele Jahre davor. Die weltweiten CO2-Emissionen steigen weiter, ebenso die globale Durchschnittstemperatur. Wir Menschen müssen viel anders machen – auch als Journalist*innen. Und am besten fangen wir bei uns selbst an.

So ist uns persönlich die Klimakrise bewusst geworden

Als ich, Leonie, 12 Jahre alt war, habe ich Unterschriften gegen den Walfang gesammelt, mit 20 wollte ich eigentlich aus dem „kolonialen und kapitalistischen System” aussteigen, dann habe ich Biologie und Philosophie studiert und an der Journalistenschule gelernt. Klima war immer „mein Thema”. Dass die Krise mein eigenes Leben betrifft, habe ich wiederum schleichend begriffen. Inzwischen zögere ich innerlich, wenn ich Verwandten oder Kolleg*innen ein „Frohes Neues Jahr” wünsche. Ich tue es dann trotzdem. Simuliere weiter Normalität. Dabei sollten wir genau damit aufhören.

Nach der Schule habe ich, Katharina, mit dem Programm „weltwärts” ein Jahr in Benin, in Westafrika verbracht. Bevor es losging, hatten wir in Deutschland ein Vorbereitungsseminar. Dort haben wir Dinge gelernt, die meine Weltsicht komplett veränderten. Zum ersten Mal habe ich im Ansatz begriffen, wie tief Rassismus in unserer Gesellschaft verankert und wie dringlich die Klimakrise ist. Später habe ich VWL studiert und mich nebenher mit Wachstumskritik beschäftigt. Seitdem bestimmt die Klimakrise meine Arbeit (und große Teile meines Lebens) und wird mir laufend stärker bewusst.

So machtvoll ist Verdrängung

Immer mehr Kolleg*innen beschäftigen sich mit der Klimakrise, wir merken das im Netzwerk Klimajournalismus. Gleichzeitig ist die Klimakrise für viele immer noch ein Thema unter vielen und keine Dimension jedes Themas. Und immer wieder sprechen Kolleg*innen über die Klimakrise, als sei sie nicht akut. Das hat verschiedene Gründe, wir wollen in dieser Ausgabe auf die psychologischen eingehen.

Selbst wenn wir die Fakten der Klimakrise grundsätzlich anerkennen, kann es sein, dass wir sie emotional verdrängen. Ein Stück weit ist das notwendig, um nicht von negativen Gefühlen überwältigt zu werden. Problematisch wird es, wenn die Verdrängung so vehement ist, dass uns das Ausmaß und die Dringlichkeit der Krise gar nicht bewusst werden. Und wir dadurch nicht ins Handeln kommen.

Verdrängung kann ein Bewältigungsmechanismus kognitiver Dissonanz sein. Wir bekommen in unseren Köpfen nicht zusammen, wie klimaschädlich wir einerseits leben und wie akut andererseits die Klimakrise ist. Wir können dann entweder unser Verhalten ändern oder die Wirksamkeit unserer Handlungen herunterspielen, um die unangenehme Schere im Kopf zu schließen. Oder eben die Klimakrise verdrängen.

Wir simulieren Normalität

Bernd Ulrich, der stellvertretende Chefredakteur der Zeit, schreibt, dass wir seit einigen Jahren eine Normalität simulieren, die es nicht mehr gibt. Das Problem: Je mehr Menschen sich so verhalten, als würden wir in dieser Normalität leben, desto schwieriger ist es für einzelne, sich wie in einer Krise zu verhalten.

Für den Journalismus ist dieses Problem besonders relevant, denn wir beeinflussen die gesellschaftliche Diskussion. Wenn es wirklich so dringend wäre, dann würden doch mehr Medien Alarm schlagen, dann wären doch alle Titelseiten voll davon – oder nicht?

Was können wir als Journalist*innen tun?

Wir Journalist*innen müssen bei uns selbst anfangen. Erst wenn wir den Gedanken zulassen, dass die Klimakrise wirklich so schlimm und akut ist, wie sie der IPCC-Bericht beschreibt, können wir angemessen über sie berichten. Dabei hilft es, wenn wir uns mit unseren Gefühlen beschäftigen, wie zum Beispiel Ann-Kristin Tlusty, Marlowe Hood und Jonas Schaible es vorgemacht haben.

Wie du im Arbeitsalltag in den Redaktionen gegen die Verdrängung vorgehen kannst? Reden. Über die Klimakrise, unseren Umgang damit, die Probleme und ganz wichtig: die Lösungen. Denn es gibt viele Lösungen – und die brauchen noch viel mehr Aufmerksamkeit.

Wir können dir für den Anfang das Buch „Klartext Klima” von unserer Netzwerk-Kollegin Sara Schurmann empfehlen und die Angebote des Bonn Institutes für konstruktiven Journalismus. Eine Übersicht über Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es bei „Grüner Journalismus”. Vielleicht willst du auch Klima-Workshops in deiner Redaktion anregen, wir vermitteln gerne Speaker*innen.

Unsere Einladung ins Netzwerk Klimajournalismus steht natürlich, herzlich! Den Einladungslink für Slack gab’s in der Begrüßungsmail. Wenn du sie nicht mehr findest, schreib uns gern. Und hier kannst du dich anmelden, um zu den monatlichen Calls eingeladen zu werden.

Was wünschst du dir vom Klimajournalismus 2023?

„Mehr Menschen mitzunehmen – das wünsche ich mir dringend für den Klimajournalismus. Wir strecken in multiplen Krisen und viele Menschen machen dicht, hören weg oder eher denen zu, die ein „weiter so“ möglich erscheinen lassen. Dauerkrisenbeschallung macht mürbe und ängstlich. Hier muss Klimajournalismus einen Weg finden, mit klaren Fakten gegen Fakes zu bestehen, konkret zu zeigen, was sich für die Menschen ändern wird und welche Handlungsoptionen sie haben. Zur Vermeidung, aber auch Bewältigung der Krise. Klimajournalismus muss empowern, indem er zu informierten Entscheidungen verhilft.”

„Das Problem ist vor allem eine Kompetenzfrage. Wenn jede*r Intendant*in und Chefredakteur*in sich die Mühe geben würde, den letzten Sachstandsbericht des Weltklimarats zu lesen und zehn Wissenschaftler*innen anzurufen, dann würde die Qualität der Berichterstattung drastisch steigen. Der Klimajournalismus braucht keinen Aktivismus, sondern höhere Standards in den Ressorts Politik, Wirtschaft und News. 2022 war es gut, dass Kolleg*innen angefangen haben, sich zu informieren. Jetzt muss es schneller gehen.”

„Wir brauchen in der Branche endlich ein breiteres Bewusstsein für die Dringlichkeit und das Ausmaß der Klimakrise. Wie wir dort hinkommen, können wir von anderen Debatten lernen: etwa hinsichtlich der Frage, wie die Berichterstattung und die Strukturen in den Redaktionen Sexismus und Rassismus reproduzieren. Da hat es auch nicht gereicht, dass einige Kolleg*innen – zum Teil seit Jahrzehnten – hervorragende Arbeit machen. Es veränderte sich strukturell erst etwas, als ein größerer Teil der Branche die Probleme und Lösungen diskutierte. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, sich erstmal selbst mehr mit der Krise und den Problemen zu beschäftigen, um sich auch sprachfähig zu fühlen.”

„Vom Klimajournalismus erhoffe ich mir für 2023, dass er aufhört zu existieren. Weil Klima ja weder ein Fachgebiet ist noch ein Thema, sondern der Aggregatzustand unseres Jahrhunderts. Es gibt ja auch keinen Kapitalismus-Journalismus, denn auch der Kapitalismus ist kein Thema sondern eine Textur. Es spricht auch niemand von Demokratie-Journalismus, weil jeder echte Journalismus Demokratie-Journalismus ist, Freiheit ist seine einzige Seins-Form. So ist es auch beim Klima, dessen Krise die Voraussetzungen von Demokratie und Journalismus angreift, vor allem eine: Es muss echte Alternativen geben, denn: kein Pluralismus ohne reale Wahl.”

Klimaneutral! Wirklich?

Mein lieblings Investigativ-Moment in diesem Jahr: Astrid Geisler und Hannah Knuth haben für die Zeit einen Blumenladen gegründet und gezeigt, wie viel Greenwashing und Geschäft in klimaneutral”-Labels stecken – und wie wenig Klimaschutz.

Die Biodiversitätskrise in 7,5 Minuten

Vor der rosa Wand im Studio des österreichischen Standard hat Verena Mischitz bereits 2021 die Kipppunkte glanzvoll erklärt. 2022 hat sie dort die komplexe Biodiversitätskrise in siebeneinhalb Minuten begreifbar gemacht. Und dieses Jahr?

Aktivismus verstehen

Die „Letzte Generation” wurde in den letzten Monaten massiv kritisiert, auch von vielen Medien. In meinem Kopf schwirrten dazu viele Gedanken herum. Wahrscheinlich hat mich die Analyse von Friedemann Karig bei Übermedien deshalb so beeindruckt – weil sie alles auf den Punkt bringt.

Verdachtsfall Erdgas

Die Quarks Science-Cops schaffen es in ihrem Podcast, Themen wissenschaftlich sehr fundiert und gleichzeitig super humorvoll aufzubereiten. Anfang Februar stand die EU-Kommission im Verdacht, wissenschaftlichen Unfug zu erzählen – weil sie Erdgas als nachhaltig einstufte.

Eine kurze Geschichte der Klimakrise

Magazinig, tiefgreifend und bewegend – so hat die Autorin Elizabeth Kolbert die Klimakrise für The New Yorker aufgeschrieben. Im Klima-ABC ist jeder Buchstabe eine eigene kleine Kurzgeschichte, am Ende hat man die großen Zusammenhänge verstanden. Wer macht's auf deutsch?

Wenn du dir für 2023 vorgenommen hast, mehr mit deinen Kolleg*innen über die Klimakrise zu sprechen, leite ihnen doch direkt diesen Newsletter weiter!

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